AMF Harley: Mythos, Irrtum oder einfach nur amerikanische Sturheit?

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Automatische Konzepte

Harley-Davidson und AMF: Zwei Namen, die noch heute bei vielen Harley-Fans für Begeisterung sorgen. Das Bild ist bekannt: AMF stand für schlechte Qualität, schlampige Arbeit und Motorräder, die besser unfertig blieben, als sie überhaupt erst begonnen wurden. Doch betrachtet man die Geschichte unvoreingenommen, ergibt sich ein anderes Bild. AMF rettete Harley-Davidson vor dem endgültigen Zusammenbruch, investierte massiv und prägte eine raue, chaotische und bemerkenswert dynamische Ära.

Harleys Zustand vor AMF

Ende der 1960er-Jahre geriet Harley-Davidson in eine Krise. Die Hälfte der Motorräder verließ die Produktionslinie unvollständig oder in schlechtem Zustand und verstaubte anschließend in den Lagerhallen. Die Produktpalette war veraltet, die Technik überholt und der Ruf des Unternehmens ruiniert. Die Übernahme durch AMF im Jahr 1969 war keine feindliche Invasion, sondern eine Rettungsaktion. Die Produktion wurde verschlankt, Mitarbeiter entlassen und die Kosten gesenkt. Dies führte zu Streiks und Budgetkürzungen, die sich nicht immer positiv auf die Endqualität auswirkten. Doch ohne AMF gäbe es kein Harley-Davidson.

Der europäische Austritt

AMF übernahm auch Aermacchi, einen italienischen Hersteller von leichten Motorrädern. Daraus entstanden Harleys mit Hubräumen von 125 bis 350 cm³, sowohl Zwei- als auch Viertakter. Diese Modelle wurden damals kaum ernst genommen, haben aber inzwischen Kultstatus erreicht. Der bekannte AMF-Streifen – einst verspottet – hat heute seine eigene Fangemeinde. Diese leichten Zweitakter, einst als Schrott abgetan, erzielen heute beachtliche Preise. Der Kreislauf wiederholt sich.

Der Shovelhead in freier Wildbahn

Im Mittelpunkt dieser Geschichte steht eine außergewöhnlich originelle Shovelhead: ein 1200-cm³-V2, der sein ganzes Leben in den Niederlanden verbrachte und daher nie die Mühlen der amerikanischen Custom-Drift-Szene durchlief. Die metallicblaue Lackierung, die AMF-Streifen, die Fishtail-Auspuffanlage: Alles passt perfekt, sowohl atmosphärisch als auch historisch. Eine Shovel, wie man sie heute nur noch selten sieht – genau so, wie sie einst gedacht war.

Die Shovelhead (1966–1984) war eine Weiterentwicklung der Panhead. Neue Zylinderköpfe, höhere Verdichtung und rund 10 PS mehr Leistung. Das Ölmanagement wurde verbessert, obwohl immer noch Öl durch die Ventilschäfte in den Brennraum gelangte. Typische amerikanische Lösungen: gut genug, solange niemand eingriff. Die Technik ist einfach, solide und robust. Doch die Restaurierung einer Shovelhead gleicht einer archäologischen Fundgrube: Man entdeckt vor allem die Fehler der Vorbesitzer.

Fahren und Überleben

Eine Shovelhead fährt sich wie amerikanischer Stahl. Schaltvorgänge klingen wie herabfallender Stahl. Die Bremsen tun, was sie können, aber man muss sie respektieren. Bodenfreiheit? Begrenzt. Geschwindigkeiten über europäischer Reisegeschwindigkeit? Lieber nicht. Aber das ist kein Mangel, sondern gehört einfach dazu. Man würde ja auch keinen Öltanker durch eine Kurve zwingen. Eine Shovelhead verlangt nach Langsamkeit, Rhythmus und danach, so gefahren zu werden, wie sie gedacht ist.

Teile und Fallstricke

Ersatzteile? Zu 100 % verfügbar. NOS-Teile werden knapp, aber der Zubehörmarkt ist riesig. Von erstklassigen amerikanischen Produkten bis hin zu Billigschrott, den man besser meidet. Man kann heutzutage sogar eine Shovelhead komplett mit Neuteilen restaurieren, aber das würde bedeuten, dass „Custom Built“ auf dem Kennzeichen steht. Und als Purist will man das sicher nicht.

Die Vergaser reichten von Linkert und Tillotson in den frühen Jahren bis hin zu Bendix und Keihin in späteren Produktionsjahren. Upgrades von Mikuni, Keihin oder S&S machen das gesamte Fahrzeug spritziger, zuverlässiger und benutzerfreundlicher.

Das wahre Vermächtnis von AMF

AMF machte Fehler, aber ohne sie wäre Harley verschwunden. Nach 1981, als dreizehn Manager die Marke zurückkauften, erlebte Harley unter der Führung von Willie G. Davidson einen neuen Aufschwung – indem man sich auf die Vergangenheit besann. Bis Manager ohne Motorradbegeisterung wieder das Ruder übernahmen und die Marke in neue Abgründe steuerten.

Vielen Dank an Albert Venema für die Bereitstellung des Motors.

Die vollständige Geschichte über AMF, die Diskussion um Qualität, die wunderschöne originale Shovelhead und alle technischen Details finden Sie in der Dezemberausgabe von Auto Motor Klassiek, das jetzt am Kiosk erhältlich ist.

AMF Harley: Mythos, Irrtum oder einfach nur amerikanische Sturheit?
Foto: Dolf Peeters
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Foto: Dolf Peeters

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4 Kommentare

  1. 1981 kaufte ich eine der letzten 1200 von AMF gefertigten Harleys. Sie war zwar qualitativ minderwertig, aber ich fuhr sie trotzdem fast 20 Jahre lang und ließ sie regelmäßig überholen. Ich fahre immer noch Harley, jetzt aber mit einem Milwaukee-Eight-Motor. Die Qualität ist deutlich besser, aber das hat seinen Preis.

  2. Tatsächlich dreht sich das Rad immer wieder im Kreis. Damit meine ich, dass sich die Geschichte wiederholt. So wie Harley-Davidson damals seine Seele an AMF verkaufte, haben sie sie jetzt an die Chinesen verkauft.

  3. Seltsam, dass dieser Shovel, der „schon immer in den Niederlanden war“, ein klassisches Kennzeichen einer Importserie (ZF) hat.
    Sie ist also nicht diese 'Holländerin'...sondern (viel) später in Grau importiert.
    Lass dir davon nicht den Spaß verderben; Harleys sind gutmütige, quirlige kleine Maschinen, die am liebsten einfach nur leise dahingleiten... kilometerweit.
    Gut für Technik und Fahrer gleichermaßen; wer Geschwindigkeit will, sollte sich eine Hayabusa mit verlängerter Schwinge zulegen.
    Am besten einen roten; die sind noch schneller.
    AMF rettete die Marke vor dem Ruin, versagte aber bei der Qualität.
    Inzwischen sind selbst die letzten AMF-HDs schon weit über 40 Jahre alt, sodass sie wahrscheinlich überholt und etwaige Qualitätsprobleme behoben wurden.
    Ich werde sie trotzdem nicht dort stehen lassen.
    Eine Shovelhead, die letzte HD mit Zylinderköpfen aus Gusseisen, profitiert von einem kleinen Ölkühler, damit lange Strecken und der Stadtverkehr besser zu bewältigen sind.

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