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Lyn – Kolumne
„Llwellyn – ausgesprochen ‚Lyn‘ – Fflint.“ Es klingt wie der Name eines Kriegers aus einer walisischen Heldensage. Llwellyn ist kein Krieger. Er ist ein Dichter. Er hat etwas von einem leicht überraschten, hellblonden Gnom.
Er ist einer dieser flüchtigen Bekannten, die ab und zu mal im Leben auftauchen. Vor einiger Zeit schrieb er mir per E-Mail, dass er in die Niederlande kommen würde, um Feldforschung für seine neueste Sammlung zu betreiben. Der vorläufige Arbeitstitel lautete: „Druiden, Motorräder und karibische Mädchen“Die „Druiden“ waren für Intellektuelle lediglich ein Köder oder eine Ausrede.
Seine eigene BMW R69S, damals mit über einer halben Million Meilen auf dem Tacho, war sein einziger Besitz und seine einzige Verbindung zur Motorradwelt. Doch karibische Schönheiten, vornehme Formen, waren die Hauptfiguren in seinem Leben und in seinen Gedichten. Gedichte von so schonungsloser Realitätsnähe, dass sie in England, Wales und Irland nur von über 50-Jährigen in Begleitung beider Elternteile gelesen werden dürfen.
Lyn rief an. Er sagte, er sei in den Niederlanden, in der Nähe einer Stadt mit dem ungewöhnlichen Namen „Vlardinnen“, und habe kein Glück mehr. „Dynamo, Regler oder Batterie.“ Ein Anruf bei Gerrit, ein Anruf bei Toon und ein kurzer Besuch bei Theo. Sicherheitshalber besorgte er sich noch einen Satz Unterbrecherkontakte und einen Kondensator. Und dann ging es nach Vlardinnen.
Dort, auf dem Parkplatz der Tankstelle, hatte Lyn die potenziellen Übeltäter bereits auseinandergenommen. Er wartete dort, die erste rauchbare Continental-Zigarette schon an die Unterlippe geklebt. „Ein zufriedener Raucher ist kein Unruhestifter.“
Innerhalb einer halben Stunde war alles geregelt. Und es war Abendessenzeit. Im chinesischen Restaurant. Natürlich auf eigene Kosten. Künstler laden normalerweise niemanden ein. Allein die Tatsache, dass sie selbst zahlen mussten, war für Lyn schon ungewohnt. Trotzdem freute er sich aufrichtig, wieder da zu sein.
Da Normen und Werte immer mehr verschwimmen, wunderte es uns nicht, eine leicht bekleidete Antillenbewohnerin im örtlichen chinesischen Restaurant bedienen zu sehen. Lyn warf seinem Babi Pangang nur einen kurzen Blick zu. Seine Augen strahlten, aber er hatte einen etwas verträumten Ausdruck. Er war angespannt. Er ging zum Angriff über. Er war durch und durch poetisch. Man braucht keine breiten Schultern oder eine Gold Card, um erfolgreich zu sein.
Es geht nur um den Charme.
Die Seele.
Die Frau seiner Träume hatte schon alles gesehen. Sie war zynisch, distanziert. Sie lächelte, lachte, kicherte und verliebte sich in den Künstler. Sie machte eine neckische Kussgeste und wiegte ihre Hüften verführerisch zu einem anderen Kunden.
Und kamen schnell zurück. Wir waren noch da, als Ladenschluss war. Lyn wollte Carmelita nach Hause begleiten. Denn nachts war es viel zu gefährlich für ein Mädchen allein, nicht wahr?
Seine neueste Traumfrau blickte ihn zärtlich an.
Eines muss man jedoch sagen: Lyn hat Charme.


Wunderbare Geschichte, meine Lieben!
Deine Freunde, Dolf, schätzen sie sehr. Auch wenn du sie nicht oft siehst, ist das überraschenderweise meistens der Fall, und genau das macht sie so köstlich...
Dass es sich schon selbst finanziert hat, war schon überraschend genug. Absolut genial, danke Dolf.