Der Neue meines Zahnarztes

Auto Motor Klassiek » Motoren » Der Neue meines Zahnarztes

Erscheinungsdatum der März-Ausgabe -> Wir schließen

Automatische Konzepte

Neulich sah ich meinen Zahnarzt grinsend von einer abgewetzten Transalp absteigen. Da er ein begeisterter Harley-Fahrer ist, sprach ich ihn an. Soll ich ihm eine Krone oder einen Zahnersatz verpassen, damit er sich wieder seine dicke Ami leisten kann?

Die Dinge waren anders. Während seines Studiums fuhr er Motorrad, um der Armut zu entkommen, und träumte davon, „eines Tages eine Harley zu besitzen“. Er hatte es damals geschafft. Doch letzten Herbst kaufte er aus Mitleid mit seinem Neffen, der sich in Schwierigkeiten befand, die Transalp für ein paar Cent von diesem aufstrebenden Lebensretter, der zwischen seinen Studienkrediten und seinem Wunsch, das Studentenleben in vollen Zügen zu genießen, hin- und hergerissen war. Mein Zahnarzt hatte die Idee, mit seinem charmant verwitterten Motorrad ein paar Kilometer mehr zu fahren als mit seiner Big Twin, die er zum Hegen und Genießen jedes Jahr für ein paar lange Ausfahrten aufbewahrte.

Diesen Winter war er zum ersten Mal seit seiner Studienzeit wieder ununterbrochen mit dem Motorrad unterwegs. Nicht viel, aber immerhin. Und es hatte ihm großen Spaß gemacht. Mittlerweile war der Frühling da, aber er ertappte sich dabei, immer mehr Dinge mit seiner Honda zu erledigen. Er fuhr sogar mit ihr zur Praxis. Allerdings achtete er darauf, früh da zu sein und sein Moped außer Sichtweite hinter dem Gebäude zu parken.

Natürlich blieb seine Harley seine Nummer eins, aber was für einen Spaß hatte er mit der kleinen Honda! Begeistert erzählte er von ihren Mängeln und zeigte auf die Kratzer. Und er hatte sogar wieder gebastelt. Stolz zeigte er einen großen Kratzer an seiner Hand. Ein Kratzer im eigenen Lack. Er hatte sich sogar ein Werkstatthandbuch gekauft. Als treuer Kunde autorisierter Harley-Händler musste er sich einfach mit dem Gedanken anfreunden, dass der örtliche Motorradschrottplatz sein zukünftiger Ersatzteillieferant sein würde.

Strahlend erzählte er mir von seinem Kurztrip nach Oberhausen mit seinem kleinen Twin. Eine Weltreise! Und sein Mittagessen? Das hatte er sich im Biergarten geholt! Einfach fantastisch! Mein Zahnarzt ist ein Beispiel für jene Männer, die ihren Traum verwirklicht haben und nun zusätzliches Glück in ein bisschen Nostalgie finden. Im Fahren auf nicht ganz perfekten Motorrädern, die einfach keine Mobilitätsgarantie, kein GPS und kein ABS haben.

Moderne schwere Motorräder sind besser denn je, nahezu perfekt. Sie eignen sich daher hervorragend für unbeschwerte lange Fahrten. Doch offenbar wünschen sich immer mehr Menschen ein Motorrad, das nicht ganz so perfekt ist. Eines, das weniger von der Elektronik belastet ist und bei bestimmten Drehzahlen trotzdem juckende Hände oder einen kitzelnden Hintern verursacht.

Denn tief in unseren Genen spüren wir, dass Motorradfahren ein gewisses Abenteuer sein sollte. Es geht um die Geschichte des Mannes und seiner Maschine, nicht um die Maschine und ihren Beifahrer. Das tut der Qualität des Pride in Your Garage keinen Abbruch, den Sie auf langen Fahrten genießen und ausleben können. Fahrten, bei denen Sie weit reisen und entspannt ankommen. Auf einem modernen, schweren Touren- oder Reisemotorrad können Sie bei Bedarf in einem Rutsch von Utrecht nach Mailand düsen. Auf einer Transalp ist das anders. Kleiner. Hemmungsloser. Und dann ist schon ein Tagesausflug nach Sedan in Nordfrankreich ein echtes Abenteuer.

Nehmen wir zum Beispiel deine Transalp. Ein mutiger Traber, der in der Praxis deutlich mehr bietet als der neueste Mega Allroad. Du kannst ihn zum Beispiel fallen lassen und wieder aufheben.

Kauf dir aber am besten eins, das nicht allzu oft heruntergefallen ist. Eine ordentliche Transalp ist ein schnittiges Teil, etwa so breit wie ein liegender Briefumschlag. Sie meistert enge Kurven hervorragend und bietet stets ausreichend Leistung und Bremsleistung. Sie schrecken auch vor ein paar Kilometern nicht zurück.

Die Motoren sind robust, der Komfort an Bord gut. Für die älteren Transalps gibt es mittlerweile Spezialisten, die allerlei Gebrauchtes anbieten. Das bringt sofort nostalgische Pluspunkte an das Motorradleben von einst. Denn was heute im Handel „Gebrauchtteilehändler“ heißt, nannte man früher Motorradschrottplatz. Und das ist eine Branche für Laien. Denn Stammkunden bekommen immer günstigere Preise.

Der Neue meines Zahnarztes
Joost ist nicht zu stolz, um zu helfen
Der Neue meines Zahnarztes
Der Neue meines Zahnarztes
Immer griffbereit: Ein Motorrad-Schrottplatz um die Ecke
Der Neue meines Zahnarztes
Rens ist viel jünger als mein Zahnarzt. Die Transalp ist kürzlich in der Schweiz auf Grund gelaufen.

Abonnieren Sie und verpassen Sie keine einzige Geschichte über Oldtimer und Motorräder.

Wählen Sie ggf. weitere Newsletter aus

2 Kommentare

  1. Nichts falsch mit alten oder älteren Motorrädern
    Umso schöner ist das Erlebnis, und all die Elektronik kann nur Leid verursachen.
    Erster Motorradurlaub in den Ardennen mit meinem Bruder und ein paar Freunden.
    Ich fuhr die 74er Moto Guzzi 850 V7 meines Vaters (ich sparte noch für eine Buell)
    Die Guzzi bekam einen gründlichen Service, Öl, Bremsbeläge sowie einen neuen Vorder- und Hinterreifen.
    Der Gashebel wurde geschmiert und neue Zündkerzen eingebaut.

    Da stehen Sie, mitten in den Ardennen, an einem verregneten Sonntagmorgen auf dem Heimweg mit einem gerissenen Gaszug!
    Aber dieser clevere Typ hatte unter dem Vorwand „man kann ja nie wissen“ ein paar Werkzeuge und ein Schaltkabel von einem Rennrad mitgebracht.
    Nach einigen Anpassungsarbeiten, um das Innenkabel auf die gleiche Länge wie das Kabel vom anderen Vergaser zu bringen und es ohne eine Hülse, sondern nur darum herum und dann mit einer Schlaufe an der Klemme am Gashebel zu befestigen, bin ich fahrend nach Hause gekommen.
    Es war ein schönes langes Wochenende und danach gab es einige Urlaubsfahrten mit der Buell.
    Und nebenbei auch noch an der Buell herumbasteln, denn das gehört einfach dazu!
    Doch die gesamte Strecke bis zum Nordkap und über Finnland zurück verlief mit der Buell einwandfrei und ohne Probleme.

    So ein TransAlp ist auch ein richtig schönes Rad (ich durfte es nach der Reparatur seines TransAlp von einem meiner Ardennenfreunde ein paar Mal fahren).
    Und diese Woche machte ihm jemand auf der Buitenhuis-Fähre ein Kompliment zu seiner TransAlp.
    Und er sagte auch, dass er sehr zufrieden damit ist
    mit Pendeln.

  2. Ich komme aus einer Zeit, in der Motorräder zwar elektrisch gestartet werden konnten, aus Sicherheitsgründen jedoch oft ein Kickstick montiert war (oder montiert und dann wieder unter den Sattel gelegt werden konnte).
    Ein Computer war nichts anderes als eine TCI/CDI-Box und die Fahrmodi wurden einfach durch Drehen der rechten Hand gesteuert.
    Neue Gadgets, egal wie nützlich oder sicher ABS ist … haben mich nie gereizt.
    Die Reise von Twente nach Achterveld zum jährlichen Cafe Racer Day war schon ein ziemliches Unterfangen, ganz zu schweigen von einem Wochenende in den Ardennen oder dem Elephant Meeting.
    Aber ich möchte einen Motor spüren und hören können, und das Biest kann leise seine Position markieren.
    Beschweren Sie sich nicht über Wartungsintervalle, sonst kaufen Sie halt etwas Modernes.
    Ich verstehe, dass jeder zum Glück einen anderen Geschmack hat und nicht jeder von einem alten Motorrad mit seinen Macken und Eigenheiten bezaubert ist.
    Aber das gehört zum Leben als Motorradfahrer dazu … meiner Meinung nach.
    Der Genuss muss nicht unbedingt auf etwas €€€-Modernem liegen, sondern kann auch auf einem 17 Hand großen, schäbigen alten Biest liegen, das den Test der Zeit (ziemlich) bestanden hat.
    Jedermanns Sache.

Schreiben sie ein Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert * *

Maximale Dateigröße beim Hochladen: 8 MB. Sie können Folgendes hochladen: afbeelding. Im Kommentartext eingefügte Links zu YouTube, Facebook, Twitter und anderen Diensten werden automatisch eingebettet. Dateien hier ablegen